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Übertriebene Erwartungen

«Nie wieder will ich Mitglied einer Kirche sein noch einen dieser Heuchelklubs besuchen!», klagte mir völlig aufgewühlt eine von Christen enttäuschte Person. «Statt Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung habe ich in meiner Gemeinde mehrheitlich Egoismus, Rechthaberei, Herrschsucht und gegenseitiges Verurteilen erlebt. Jeder ist sich selbst der Nächste und meint doch, der perfekte Christ zu sein.»

Schon jetzt

Die Erfahrung dieser gemeindefrustrierten Person scheint der Beurteilung des Apostels Paulus zu widersprechen, der den Christen in Ephesus schreibt: «So soll jetzt den Mächten und Gewalten in den Himmeln am Beispiel der Kirche die vielgestaltige Weisheit Gottes kundgetan werden» (Epheser 3,10). Wo ist also Gottes Herrlichkeit sichtbar? Wo erleben wir ein Stück Himmel auf Erden? Nicht in einem grossartigen Kirchengebäude mit Marmorsäulen, goldverziertem Altar und prächtigen Fenstern aus Mosaikglas, sondern in gewöhnlichen Menschen, die Jesus ihr Leben anvertraut haben. Für die Welt, die uns Christen beobachtet, demonstrieren wir Gottes Weisheit. Wir bilden die sichtbare Gestalt dessen, was Gott ist und wie er handelt.

Noch nicht

Woher kommt nun aber der Frust vieler Christen, wenn sie an ihre Kirche denken? Wahrscheinlich hat es hat damit zu tun, dass diese aus sehr konkreten und sichtbaren Menschen besteht, über die sich auch hässliche Geschichten erzählen lassen. Da liegt vieles im Argen, ist schwach, verkümmert, erbärmlich, schmutzig, menschlich und nicht selten böse und gottlos. So kriegen wir es schlicht nicht auf eine Reihe, wenn wir von der Kirche als dem Reich Gottes reden, denn dieses wird als friedlich, gerecht, rein, attraktiv, perfekt und herrlich beschrieben. Wir dürfen aber nicht das vollendete Reich Gottes mit der gegenwärtigen, alltäglichen, chaotischen Realität unserer Kirche vergleichen, denn das führt zu übertriebenen Erwartungen im Jetzt. Noch weiden Wölfe und Schafe nicht auf derselben Wiese. Noch können wir nicht ungefährdet mit Giftschlangen spielen. Noch wachsen Weizen und Unkraut auf dem gleichen Feld. Frieden ist nur schemenhaft erkennbar, Gerechtigkeit nur diffus, Heilung geschieht noch lückenhaft, holprig kommt unser Gottesdienst daher und stümperhaft sind Anbetung und Gehorsam der Gläubigen. Und dennoch zeichnen sich in allem Mangelhaften schon jetzt die perfekten Konturen von Gottes Reich in der Gemeinde Jesu ab. Schattenhaft zwar und undeutlich nur, aber immerhin genug, um damit Gottes Wesen zu reflektieren. Perfekt wird es erst dann sein, wenn der Friedefürst zurückgekommen ist.

Geduld und Vergebung in der Zwischenzeit

Geduldig erwarten Christen die Vollendung von Gottes Reich. Geduld ist deshalb auch in Bezug auf unser unvollkommenes Wesen angezeigt. Solange wir Menschen auf dieser alten Erde sind, werden wir nie genug freundlich zueinander sein, sind wir nicht immer auf Verstehen und Helfen programmiert, zeigen wir uns nicht immer liebevoll und grosszügig, sondern auch aggressiv und egoistisch. Wer von anderen Perfektion erwartet, verlangt nichts weniger, als dass sie aufhören, Menschen zu sein. Doch wir bleiben Menschen und damit auch Sünder und entsprechend abhängig von der Vergebung Gottes und unserer Mitmenschen. 

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